Der Mädchenhändler

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Der Mädchenhändler

Denise_r

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1. Die beste Straße im Land des toten Boten​

„Kumal, warte! Da stimmt was nicht.“ Garan klang nervös. Fast schon verzweifelt. So hart er auch im Umgang mit den Sklaven war oder so erbarmungslos im Kampf mit einem Gegner– so kindlich naiv konnte er sein, wenn er eine Sache nicht verstand. „Sag nicht, dass du dich wieder mal verzählt hast“, brummte Kumal. „Das wäre dann schon das gefühlte tausendste Mal und selbst für dich eine Schande.“ Sie hatten den Lagerplatz für heute fast erreicht. Dem gerechten Tod des dunklen Boten sei Dank schoben sich die Sonnen endlich hinter den dampfenden, grünen Dschungelhorizont und die mörderische Hitze des Tages ließ nach. Vom Meer her wehte eine angenehme Brise über den endlosen Strand. „Oh, ich hab mich nicht verzählt. Ich habe die Mädchen sogar dreimal durchgezählt. Und ich komme immer wieder zum selben Ergebnis. Es sind hundertsechsundzwanzig.“ „Hundertsechsundzwanzig?! Das kann nicht sein – du musst dich irren.“ „Es sind hundertsechsundzwanzig.“ „Aber wir hatten nur hundertfünfundzwanzig, als wir aufbrachen.“ „Das weiß ich auch.“ Garan runzelte weinerlich die Stirn. Kumal seufzte ärgerlich. Genau solche Gründe waren es, warum er der Boss war und kein anderer. Er ließ die Karawane von nackten wippenden Brüsten an sich vorbeiziehen und zählte nach. Jede einzelne Sklavin war handverlesen aus einem Angebot von wenigstens tausend ausgewählt. Er selbst hatte dafür gesorgt, dass nur die schönsten Mädchen in seinen Besitz gelangten. Denn im Schnitt war nur eine von zehn es wert, von ihm gekauft zu werden. Wenn sie dazu noch Fähigkeiten besaß, die einen Mann erfreuen konnten, umso besser. Und eines war klar – der alte Häuptling Kumatas war als Verhandler ebenso unnachgiebig wie unbarmherzig als Krieger. Dieser hätte sich eher einen Finger abgeschnitten, als ihm eines der Mädchen ohne Gegenleistung anzubieten. Er hätte ewig lang gefeilscht und versucht, noch etwas aus diesem Geschäft herauszuholen. Außerdem gab es einen Grund, warum es genau hundertfünfundzwanzig waren. Jedes der Mädchen hatte bereits einen Abnehmer – und damit einen Platz am Schiff. Die Maleyani hätten das Wort „Vorbestellung“ benutzt, um diesen Vorgang zu beschreiben. Und ein Mädchen zu viel wäre den Aufwand nicht wert gewesen. Wahrscheinlich hätte er sie sogar seinem treuesten Kunden geschenkt, nur um sie endlich los zu sein. Das letzte Mädchen schritt mit gesenktem Kopf und dem typischen, devoten Kumaa- Gesichtsausdruck an ihm vorbei. Diesem stumpfen, leeren Blick, der allen Frauen in diesem Land zueigen war. Diesem Blick ohne Feuer. Sie wagte es nicht, ihn anzusehen. Tatsächlich! Hundertsechsundzwanzig. Kein Zweifel. Er hatte sich ganz sicher nicht verzählt. Wie konnte das sein?! Das war noch nie vorgekommen! Noch nie!! Irgendetwas mussten sie übersehen haben. Irgendetwas … Mit einhundertsechsundzwanzig mördergeilen, nackten Frauenpos vor der Nase schritt er leise fluchend wieder zur Spitze der Karawane zurück.

***​

Tassara versuchte, sich so unauffällig wie möglich umzusehen. Ihr Herz klopfte. Kumals Männer hatten schneller als gedacht bemerkt, dass hier eine Sklavin zu viel war. Die meisten seiner zehn Krieger sorgten nur mit vereinzelten Stockhieben dafür, dass die Karawane stetig weiter marschierte und nirgends ins Stocken geriet, und hingen lediglich ihren eigenen Gedanken nach. Doch Kumals viel und oft fluchender Oberaufseher Garan zählte dreimal durch – und das laut, nur um auch ja keine Zahl zu vergessen. Wie ein Kind, das zählen übte. Inzwischen hatte er Kumal von seiner Erkenntnis berichtet. Der große, attraktive Sklavenjäger aus dem Norden zählte ebenfalls mit einem Stirnrunzeln die Eisenringe, die um die Hälse der Mädchen hingen. Sie hatte fest damit gerechnet, dass nachgezählt werden würde, sobald Kumatas „Niederer Kral“ hinter ihnen lag, doch eine Sklavin zu viel hätte doch nicht einmal ein Stirnrunzeln kosten dürfen. Die Aufregung war doch nur berechtigt, wenn ein Mädchen fehlte, oder?! Mist! Das konnte ihr den ganzen Plan versauen. Was soll’s?! Dann wunderten sie sich eben. Sie würden sie nie finden. Sie war nur eines von hundertsechsundzwanzig Gesichtern und ihre Brüste und ihr Po waren nicht einmal die größten – und bei Weitem nicht so geraten, wie Kumaa-Männer sie liebten. Sie würde nicht auffallen. Sie war der sprichwörtliche Blumenkelch im Blumenmeer. Der eine Baum im Dschungel. Der silberne Tropfen im Wasserfall … Der große Kumal ging ernst an ihr vorbei und blieb mitten im Schritt stehen. Und … Als würde die Zeit stillstehen, drehte er sich zu ihr um. Mit einem Gesichtsausdruck, als offenbarte das Universum selbst ihm gerade alle seine Geheimnisse und Mysterien. Für den Bruchteil eines Herzschlags kreuzten sich ihre Blicke und sie wandte den Kopf ab. Sah zu Boden. Doch viel zu spät. Sie spürte seine Hand an ihrem Kinn und … Er zwang sie, ihn anzusehen. Mit dem Handrücken strich er ihre zarten Wangen entlang. Er betastete ihre Hände. Ihre Finger. Ihre Handflächen. Unter anderen Umständen hätte sie diese intimen Gesten als liebevoll und schmeichelhaft empfunden, aber … Er starrte sie an, als wären ihre Augen Portale zu ihrer Seele. „Da soll mich doch der dunkle Bote holen … Wer bei allen Sternengöttern bist du??“
 
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